Kolumne Wenn Sie morgen unerwartet ausfallen

Ist Ihr Betrieb ohne Sie handlungsfähig? Wer unterschreibt Angebote, wer kennt die offenen Posten? Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg zeigt in ihrer DHZ-Kolumne, warum Nachfolge kein Generationen-, sondern ein Organisationsthema ist – und liefert einen Selbstcheck mit fünf Fragen zur Notfallfähigkeit.

Der Stuhl ist leer – aber wer trifft jetzt die Entscheidungen? - © photowahn - stock.adobe.com

Im Handwerk wird viel über fehlende Nachfolgerinnen und Nachfolger gesprochen. Über Betriebe, die keinen finden, und über junge Menschen, die andere Wege gehen. Dabei lohnt sich ein Perspektivwechsel. 

Bevor wir über langfristige Übergaben sprechen, stellt sich eine andere, sehr viel nähere Frage: Was passiert, wenn die Inhaberin oder der Inhaber morgen mehrere Wochen nicht im Betrieb ist? 

Keine geplante Übergabe. Kein Ruhestand. Einfach eine Situation, in der die Person an der Spitze vorübergehend ausfällt. 

  • Wer unterschreibt Angebote? 
  • Wer entscheidet bei Abweichungen auf der Baustelle? 
  • Wer behält offene Posten im Blick? 
  • Wer kennt Prioritäten und Verpflichtungen? 

Viele Handwerksbetriebe sind stark durch Persönlichkeit geprägt. 
Das ist gewachsen, die Verantwortung ist klar, Entscheidungen sind schnell möglich. Kunden wissen, an wen sie sich wenden. Diese Struktur funktioniert im Alltag oft sehr gut. 

Ein ungeplanter Ausfall zeigt jedoch, wie stark ein Betrieb personengebunden organisiert ist. Und genau hier beginnt das eigentliche Nachfolgethema. Nachfolge ist kein reines Generationenthema. Sie ist ein Organisationsthema. Übertragbar ist ein Betrieb dann, wenn er auch ohne ständige persönliche Steuerung handlungsfähig bleibt.

  • Wenn Abläufe nachvollziehbar sind. 
  • Wenn Zuständigkeiten geregelt sind. 
  • Wenn wirtschaftliche Zusammenhänge transparent sind. 

Ein Notfallplan ist keine Frage von Pessimismus. Er ist Ausdruck unternehmerischer Vorsorge. Wer die Frage nach der Notfallfähigkeit beantwortet, beantwortet zugleich die Frage nach der Übertragbarkeit.

Selbstcheck: Wie notfallfähig ist Ihr Betrieb? 

Keine Theorie. Nur eine sachliche Standortbestimmung. 

1. Vertretung 
Gibt es eine benannte Person mit klar definierten Entscheidungsbefugnissen für den Ernstfall? 

Kathrin Post-Isenberg
Steinmetzmeisterin und Bildhauerin Kathrin Post-Isenberg leitete früher einen eigenen Betrieb in Siegburg. Mit ihrer Praxiserfahrung berät sie heute Handwerksunternehmen dabei, sich erfolgreich als Arbeitgebermarke zu etablieren. - © Markus Zielke

☐ Ja, Vertretung und Befugnisse sind geregelt. 
☐ Nein, Entscheidungen werden im Regelfall durch Chef oder Chefin getroffen. 

2. Zugänge und Unterlagen 
Sind wichtige Informationen, Verträge, Kundendaten und betriebliche Zugänge strukturiert dokumentiert? 

☐ Ja, Unterlagen sind nachvollziehbar abgelegt. 
☐ Nein, der Gesamtüberblick liegt bei einer Person. 

3. Entscheidungswege im Alltag 
Sind Abläufe für typische Situationen klar beschrieben? 

☐ Ja, Vorgehensweisen sind festgelegt. 
☐ Nein, Entscheidungen werden situativ getroffen. 

4. Überblick über Zahlen 
Sind Liquidität, offene Posten und Verpflichtungen transparent aufbereitet? 

☐ Ja, die wirtschaftliche Lage ist für mehrere Beteiligte nachvollziehbar. 
☐ Nein, die Gesamtsicht liegt bei einer Person. 

5. Kundenkommunikation 
Ist geregelt, wer wichtige Kunden betreut, wenn Chef oder Chefin nicht im Betrieb sind? 

☐ Ja, Ansprechpartner sind klar benannt. 
☐ Nein, die Kommunikation läuft überwiegend über Chef oder Chefin. 

Wer hier überwiegend mit "Ja" antworten kann, hat strukturell vorgesorgt. Wo mehrere Antworten auf die zweite Option fallen, zeigt sich Entwicklungspotenzial. Nachfolge beginnt nicht erst wenige Jahre vor dem Ausstieg. Sie beginnt mit organisatorischer Klarheit im laufenden Betrieb. 

Und vielleicht ist das die eigentliche Zukunftsfrage für das Handwerk: Nicht nur darüber zu sprechen, wer übernimmt. Sondern sicherzustellen, dass ein Betrieb auch dann handlungsfähig bleibt, wenn eine Person vorübergehend oder dauerhaft nicht mehr da ist. Zukunft entsteht dort, wo Strukturen tragen – weil sie strategisch angelegt wurden.

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.